SUITE - Eine Folge von Schicksalen

von Marcus Bernard Hartmann

Leseprobe

Inhalt


Waldszenen 8 - Am Ende der Welt 60 - Das Erbe 134 - Kassandras Kind 224 -
Wetterstein 292 - Erspielte Gefühle 382 -

Waldszenen
Eine literarische Interpretation

Eintritt
Am östlichen Fenster, durch einen Spalt, den der linke Vorhang ließ, drang spähend das morgendliche Sonnenlicht; an den anderen Fenstern, deren drei, hingen die dick gefütterten Veloursvorhänge lückenlos, so dass der Lichtstrahl das Zimmer wie eine Trennlinie in zwei gleiche Hälften teilte. Am Bücherregal traf der Sonnenstrahl genau auf den Band einer Enzyklopädie, Band IV. Carlowitz - Deichselrecht, und wer lange genug diesem Lichtstrahl nachschaute, hätte bemerken können, wie dieser allmählich nach rechts schwenkte und zudem auf die Klaviatur eines Flügels fiel. Das schwarz lackierte Instrument stand so ziemlich in der Mitte des Zimmers. Bücher lagen auf dem Flügeldeckel: Romane Jean Pauls (aufgeschlagen der Siebenkäs), die Abhandlung eines Pianisten über das umgekehrt Erhabene (eine Exegese des vermeintlich Lustigen) und Literatur über Schumanns Humoreske, deren Noten, aufgeschlagen auf der vierzehnten Seite, mit einem Bleistift auf dem Pult lagen.

In den Regalen gegenüber den Fenstern reihten sich Heinrich Heine, Victor Hugo, Lord Byron, Alphonse de Lamartine und Honoré de Balzac, Jean Paul, Novalis und Wilhelm Hauff und eine beachtliche Anzahl philosophischer Schriften zu einer dekorativen Bücherwand. Neben Chateaubriands René stand prominent eine Bronzebüste Beethovens. Es fiel auf, dass die Bücherauswahl fast ausschließlich das neunzehnte Jahrhundert berücksichtigte, während zeitgenössische Literatur nur schwach vertreten war.
Als Interpret romantischer Klaviermusik am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts suchte der in diesem Zimmer Lesende nach dem literarischen Geist der Romantik. Das Zimmer war ein Refugium der Zeit; alles darin erinnerte, wollte aufhalten, nicht vergessen werden. Selbst die Einrichtung, wenn auch zum Teil neueren Fertigungsdatums, orientierte sich an vergangenen Idealen und die einzige Sitzmöglichkeit, nebst dem Klavierhocker, ein Polstersessel, dem die vielen Jahre seines Gebrauchs schwer zugesetzt hatten, verklärte in seiner sichtbaren Vergänglichkeit, das Veraltete mit augenfälligen Reparaturen. Dicht beim Sessel stand ein Tischchen, worauf, und wie hätte es auch anders sein können, Bücher lagen: Flauberts Madame Bovary war nicht zu übersehen.

Das Tischchen sah alt aus, war es aber nicht: Die dem flüchtigen Blick versteckte Unterseite verriet die Verwendung einer stabilisierenden Holzplatte modernster Verarbeitung. Und doch passten sie gut zusammen, der alt gewordene Sessel und das alt gemachte Tischchen; eine irgendwie anrührende Gemeinsamkeit ging von ihnen aus: Wie zwei Kinder, Bruder und Schwester bei der Hand, standen sie in dem Zimmer, in der Ängstlichkeit vergessen zu werden.
Über dem Holzboden lag ein dicht gewobener Teppich, der unter dem Flügel die Klangwucht des Instrumentes dämpfen sollte. Das Beige des Berbers kontrastierte wirkungsvoll mit dem Schwarz des Steinways. An der Wand gegenüber den südlichen Fenstern stand eine Vitrine, deren Holzpartie unter den Scheiben mit kunstvollen Intarsien verziert war.
Der Lichtstreifen schien mittlerweile auf ein Bild und erhellte ein im Schatten der Bäume badendes Mädchen. Besonders reizvoll war der Augenblick auf Karl Blechens Gemälde, weil der Maler eigentlich eine andere Badende hervorhob und diese, die nun deutlicher zu sehen war, unter helleren Lichtverhältnissen im Halbdunkel steht.
Es klingelte. Jemand stand an der Wohnungstür und klopfte recht ungeduldig. Kurz darauf suchte ein Schlüssel im alten Schloss den öffnenden Widerstand. Ein Mann betrat daraufhin die Wohnung, mehrmals den Namen des Bewohners rufend, doch niemand gab Antwort.
Ein Mitbewohner des Hauses hatte am Morgen beim Polizeipräsidium angerufen und mitgeteilt, dass der Musiker, der im Stockwerk unter dem seinen wohne, seit Tagen kein Klavier spiele; und das sei, seitdem er im letzten Jahr eingezogen wäre, noch nie vorgekommen. Auch wusste der Anrufer mit Bestimmtheit, dass der Herr Pianist zuhause sein müsse, denn er habe noch am Vorabend, durch die Glasscheibe der Wohnungstür, im Flur Licht brennen sehen. Und dann waren da noch die Studenten, die nach dem Herrn Pianisten gefragt hätten.
Ein Inspektor, der zufällig das Telefongespräch mitbekommen hatte und vernahm, dass die genannte Adresse sich ganz in der Nähe seiner eigenen Wohnung befand, hatte angeboten, bei dem Herrn Pianisten vorbeizuschauen.

Sie möchten gerne weiterlesen