Kassandras Kind

von Marcus Bernard Hartmann

Leseprobe

Thym, und um genauer zu sein, Thym an der Braiisch; ein Ort, der auf der Landkarte kleinstgepunktet, so als gäbe es ihn gar nicht, kaum vom Grün der Wald- und Flurgrundierung seine Existenz behauptet. Sein Schriftzug, zweimal durchstrichen von der dort mäandrischen Braiisch, ist kaum zu lesen. Auch scheint die weitere Umgegend, zumindest kartographisch, unbewohnt zu sein, was die Abgeschiedenheit der Ortschaft zur besonderen macht. Dieses abseitige Dasein, ein wie von der restlichen Welt abgewandtes, bewahrt sich im Zufall seiner Einsamkeit etwas überaus Genuines. Die Ansprüche der Thymer haben sich von der Entbehrung maschineller Hilfen, kaum gesteigert. Den Tag bestimmen die Notwendigkeiten des bäuerlichen Lebens, und nach wie vor werden diese vorwiegend manuell erledigt. Dass allein die Abgeschiedenheit, die abwegige Örtlichkeit die in Thym vorzufindende Rückständigkeit - man würde die Mühen als eine solche bezeichnen - erklären kann, will zu einer Zeit medialer Globalisierung keiner behaupten. Doch es lässt sich außerdem nur der bodenständig gebliebene Mensch zur Erklärung heranziehen, seine Skepsis den Neuerungen gegenüber, Modernisierungen, die doch auch immer Schlechtes mit sich bringen würden.

Um aber nicht zu missverstehen, begreife man das Einfache und Bescheidene als Eigenschaften einer nicht zu verachtenden Lebensqualität. Glückliches innewohnt dem Unscheinbaren, dem vermeintlich unprätentiösen Tun; der Gleichmut des nicht Gehetzten, die Ruhe des Unbedrängten begünstigen eine Genügsamkeit, die eine friedfertige Gemeinschaft wahrt.

Thym wurde ein Beispiel gelebter Vergangenheit. Wer blieb, nicht den zeitgemäßen Verlockungen nachgab, oder wer hinzukam um den letzteren zu entfliehen, der tat es der Besonderheit des Ortes wegen. Man schätzte die außergewöhnlichen Umstände, die das Dorf zum Idyll einer vergangenen Zeit machten. Man wollte festhalten was eine gemeinschaftliche Zufriedenheit ermöglichte. Die Rückbesinnung, den Dortigen ein bescheidenes, einfaches und deswegen so erstrebenswertes Lebensglück, war im eigentlichen die bewusste Abkehr von einer zunehmend technokratischen Welt, die sich ihnen anbot im unausweichlichen Umgang mit ihr. Das geschäftstüchtige, konsumwütige Verhalten des modernen Menschen bewog die Thymer eine Utopia zu versuchen, eine Vergangenheit zu erhalten, die vor dem Aufbruch unbedingter Industrialisierung, Gegenwart war. Autark und mit nur wenigen Errungenschaften der Zeit, die dahingehend genutzt wurden um sinnvoll zu bleiben, existiert Thym als funktionierende Vergangenheit, abgeschieden im Tal der Braiisch.
Es ist ein sehr breites, von sanft ansteigenden Hügelketten umgrenztes Tal, eines, das keinen eigentlichen Anfang hat und auch kein abruptes Ende, und vielleicht nur stellenweise eines im herkömmlichen Sinne ist. Seine Ausdehnung könnte man eine Ebene nennen, durch die zuweilen breit wie ein Strom, dann geteilt in kleinere Flüsse und in abgezweigte Kanäle, die Braiisch fließt, ein das Land von Süd nach Nord durchquerendes und dann in den Bodensee sich ergießendes Gewässer, alpenländischer Herkunft. Am deutlichsten zeigt sich die Landschaft als Tal, dem von einem der Hügel ins Land Schauenden, der die Weite überblicken kann und auf der anderen Seite, andere Hügel sieht, und der, wollte er schätzen, es zu durchwandern in eineinhalb Stunden zu schaffen meint. Dass das Tal weitestgehend unbewohnt, unbebaut, unerschlossen, von der Welt vernachlässigt blieb, erklärt die bedeutungslose Lage der Region: Keine Großstadt, die in ihrer Nähe drohte sie zum Flughafen umzugestalten, keine Industrie, die einen Gewinn witterte, ihre Moorlandschaft auszuplündern, kein Geschäft, das durch ihren Ausverkauf ein Geschäft hätte machen können. Es lohnte nicht im Tal ansässig zu werden, und da es dennoch geschah, vermutlich irgendwann zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts (einem Quader in der Kirchenmauer wurde die Zahl 1721 eingemeißelt) und Thym nach wie vor, auch wenn kleinstgepunktet, auf der Landkarte verzeichnet ist, erhält sich der Ort eine Besonderheit.

Nach der nächsten Linkskurve sollte sich das Tal zeigen: und dem war auch so. Die Reisende hatte die Kuppe des Pollon, einer der sanft ansteigenden Hügel, erreicht, und sah nun weit in das in der mittäglichen Sonne hitzebrütende Tal. Die Aussicht überwältigte sie, bewog, am Rande der schmalen Straße der westlichen Taleinfahrt, sie zum Innehalten. Die Hitze des vorletzten Julitages - und viele davor waren ebenfalls von hochsommerlicher Schwüle - tauchte die Landschaft in matt-helles Licht, die Weite zur Chimäre trübend. Der Fluss zeichnete der von der Höhe Ausblickenden, mit seinem mäandrischen Lauf ein Philodendron-Ästchen nach, das sie erinnerte, weil sie zu Hause ein solches als Wandornament verwendete. Schwach, den Horizont knapp überragend, entdeckte sie den Kirchturm von Thym. Sie erinnerte noch klar der Glocken Klang, am deutlichsten die im Tone höchste, etwas unreine. Ob man sie hängen ließ? Im Turm ganz oben dissonieren? So als schwinge eine Sünde mit. Sie wusste es aus überlieferten Erzählungen: Beim ersten Male, am Tage des ersten Glockenspiels vom Thymer Kirchturme, da beschimpfte die Gemeinde den Glöckner einen tauben Hüpfer, der nicht höre, dass er sich an der hellsten und schönsten Glocke ständig zum falschen Zeitpunkt hänge. Die Versuche den empörten Thymern klar zu machen, dass er für die Misstöne nichts könne und jede Glocke doch mit jeder gut auskommen sollte, so wie eigentlich vorgesehen; diese Erklärungen blieben, oft wiederholt und jedes Mal vergebens, schließlich ohne Klärung. Keiner wollte dem verzweifelten Glöckner glauben, was zur Folge hatte, dass der der schönen Glocke Seil kappte. Die tonlos im Turme hängende Glocke wurde zum Mysterium und als der letzte Thymer, der sie noch gehört hatte starb, war sie längst ein Teufelswerk geworden. Die Glocke sollte einhundertzweiundzwanzig Jahre schweigen müssen.

Janduja John lehnte sich an ihren Volvo, den sie seit bald zwanzig Jahren fuhr, und suchte nach weiteren Erinnerungen. Da der Dunst über dem Tal ihr solche aber verwehrte, entschied sie die Reise fortzusetzen, gespannt was dort unten von ihrer Vergangenheit noch alles übrig geblieben war. Von nah sah sie den Kirchturm zuletzt als Sechzehnjährige, und das lag schon eine ganze Weile zurück, eigentlich beinahe ein Menschenleben. Sie wurde Galeristin, Expertin zeitgenössischer Malerei, Förderin einer Kunst, die den Menschen zeigte, wie die Dinge sein könnten, wenn man sie nicht nur taxierte. Zu glauben, sie wäre demnach eine Träumerin träfe nicht zu, denn Wände zur Verfügung zu stellen, an denen Gemälde unbeschadet hängen dürfen, heißt der Realität Sensibilität abzuringen, ihr einen Nagel ins Bewusstsein hämmern und mit einem Vorwurf belasten, und dies zu tun zwang der Träumenden eine Wachheit auf. Janduja John wusste nicht ob sie glücklich sein müsste, ob was sie tat auch dem entsprach was sie war. Sie spürte im Zweifel darob, dass sie nie geliebt hatte. Was gemalt sie sah, war ihr von Anbeginn eine Flucht, weg von sich selbst, hin zur lediglichen Betrachtung.

Ihre Galerie etablierte sich als eine der geachtesten Zürichs. Die Vernissagen, durchwegs dicht gedrängte Ereignisse, waren von hoher künstlerischer Bedeutung, angekündigt und besprochen in den angesehensten Zeitungen. Die Welt der Malerei war sich einig: Janduja John gehörte zu den gefragtesten Persönlichkeiten der internationalen Kunstszene.

Damals, mit sechzehn Jahren verließ sie Thym, weil sie für sich entschied, dass sie es unbedingt musste. Sie hätte nie das Schicksal, das an einem Abend im November so plötzlich über sie einfiel, obwohl es seit ihrem ersten Lebenstag andauerte, zu überwinden vermocht. Den Menschen im Dorf zu begegnen, von sich wissend, dass sie nicht war, wer sie bis dahin war; diesem verlorenen Leben wäre sie nie entwachsen. Plötzlich ein anderer Mensch sein zu müssen, einer, der sie schon immer sein sollte, doch nicht sein konnte, dieser andere Mensch brauchte eine andere Welt. Ihr Leben schrumpfte zu einem Augenblick. Sie erinnerte die damalige Verlorenheit wieder und entsann sich ihres Abschieds, den sie dort niemals wiederholen wollte. Und sie tat es, auch später dann, selbst wenn sie das erlebte Idyll vermisste; den Weg zurück ging sie nie. Sich zu finden wurde eine Suche ins Ungewisse. Sie wusste nicht wo anfangen, noch wen sie eigentlich in sich zu suchen hätte. Ihre Gefühle waren die Gefühle einer Fremden geworden, sie eine andere. Das Bewusstsein ihrer selbst verlor sich in der fatalen Enttäuschung über das, was sie als Heranwachsende eigentlich hätte bestimmen sollen: das Leben hatte sie betrogen.





Im Schaltjahr 1904, und wie es der Zufall wollte genau an dem Tag, der nur in solchen Jahren vergeht, am 29. Februar, ertönte zur Frühmesse die seit knapp einhundertundzweiundzwanzig Jahren tonlos gebliebene Glocke. Keiner hatte sie je gehört, und dass sie hell und schön klang überraschte die Überraschten. Die Geschichten, die man sich von der Glocke erzählte, ließen eher ein unerträgliches Geläute vermuten, und wie dem nicht so war, da vermeinten die meisten einem wunderherrlichen Ereignis beizuwohnen. Die Gläubigkeit hatte die Glocke verdammt - aber konnte denn Verdammnis derart schön tönen? Fortan wurde die Glocke wieder angeschlagen und die Verwünschung, die dies einhundertundzweiundzwanzig Jahre verhindert hatte, frommgebetet. Im Verbund mit den anderen Glocken, durfte sie allerdings nach wie vor nicht angeschlagen werden, denn das tonale (oder eben atonale) Verhältnis hatte sich ja nicht verändert. Man entschied daher zu besonderen Anlässen des Kirchturms Besonderheit anzunehmen, und schlug die Glocke wohlweislich einzeln an. Ein Austausch oder eine Intonierung wurden eigenartigerweise nie in Erwägung gezogen: Seit dem ersten festlichen Glockenspiel, das bekanntlich schon für erhebliche Unruhe sorgte, begegneten die Thymer der Sache mit Aberglauben und Schicksalsergebenheit, Einstellungen, die andererseits mehr als ein Jahrhundert eine Kuriosität bewahrten.

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Kassandras Kind
ist als Hörbuch auf CD erschienen