Das fehlende Portrait

von Marcus Bernard Hartmann

Leseprobe

Die Geschichte, die ich mich nun anschicke zu erzählen, die Geschichte einer Reise durch vergessene Landschaften und erinnerte Zeiten, ist selbst mir, der ich sie erlebt habe, noch immer recht verwunderlich. Und eigentlich erzähle ich sie, um sie Revue passieren zu lassen, um mich nochmals zu vergewissern, dass alles war, wie es geschehen ist. Denn manchmal glaubt man etwas könne doch nicht stimmen, das Geschehene sei für einen nicht einfach nur geschehen, sondern es müsse da etwas sein.

Und damit wäre ich schon beim Verwunderlichen, dem Etwas, das doch gewesen sein muss, ich aber als Etwas, das ganz einfach möglich war, möglich ist, verstehen will. Ich wurde auf etwas aufmerksam, das eigentlich immer sein kann, immer möglich ist, das aber nicht ohne weiteres auffällt und deshalb, wenn es auffällig wird, für irgendwie doch nicht wirklich möglich gehalten wird. Es ist verwirrend, ich weiß, aber das ist es ja, weshalb ich die Geschichte erzählen muß: es kann nicht anders sein, als dass ich ganz einfach einer Sache gewahr wurde, die, wenn man ihr nachgeht, einem unendlich oft eine weitere Türe aufstößt, und schließlich zu einer Lebensgeschichte wird (sollte man nicht aufhören dem Blick für die Lücke, dem Wink des bestimmteren Zukünftigen nachzugehen). Aber ich merke, darüber nachzudenken wird allzu gedankenlastig; ans Erzählen also, auf dass sich alles von selbst erkläre.

Es nahm seinen Anfang an einem Tag lethargischer Schwere. Lustlos, keiner Regung fähig, lag ich im Bett und schaute durchs Fenster in den Himmel, der nichts vom Frühling versprach. Dabei hätte ich allen Grund gehabt, überglücklich selbst dem depressivsten Wetter zu entkommen. Ich hatte am Tag zuvor den Doktortitel in Philosophie bekommen, dank einer von der Prüfungskommission als hervorragend eingestuften Arbeit über Husserl, die mich Jahre beschäftigt hatte.

Die Promotion hatte ich mit Freunden und Verwandten auf dem Campus mit einem ausgedehnten Brunch gefeiert, fest entschlossen die anstrengenden Studienjahre mit einer längeren Reise durch die USA zu kompensieren. Meine Großmutter hatte mir bei meinem letzten Besuch eine knappe Woche vor der Abgabe der Doktorarbeit einen Scheck über fünfzehntausend Euro in die Hand gedrückt, mit den Worten, dass sie stolz auf mich sei und ich mir eine erste Belohnung verdient habe, und dass Großvater noch viel stolzer gewesen wäre, hätte er es erleben dürfen; sein Enkel, Doktor der Philosophie wie er selbst. So hatte ich also großzügig geplant, noch nicht einmal einen Flug im Voraus gebucht, sondern wollte meine erste Destination spontan, am Flughafen, nach Lust und Laune, bestimmen.

Und dann kam alles ganz anders, und statt am Flughafen in ein Flugzeug zu steigen, lag ich noch mittags im Bett, ohne Lust überhaupt etwas zu tun. Das Feiern am Tag zuvor konnte der Grund dafür nicht sein: so viel getrunken hatte ich nicht, um es am Tag danach büßen zu müssen. Vielleicht war es die Erschöpfung über das Glück, das ich in jenen Tagen erlebte, Körperlichkeit während der geistigen Euphorie, die so vieles wollte, voraus sah. Jedenfalls lag ich im Bett ohne auch nur die nächsten fünf Minuten voraussehen zu wollen. Das fahle Licht von draußen fiel in das Zimmer ohne mir auch nur das Geringste zu erhellen. Alles lag da und schien seine Bedeutung verloren zu haben. Bis mir etwas auffiel, das nicht da war. In der obersten Buchreihe meines Ikea-Regals fehlte, so ziemlich in der Mitte, das Buch „Das Universum in der Nussschale“ von Stephen Hawking, ein populär-wissenschaftlicher Versuch dem Laien unter anderem die Vorstellung von Zeit näher zu bringen, das was sie ist und sein kann zu erläutern. Eine ehemalige Freundin hatte es mir geschenkt, im Glauben mir eine Freude zu machen. Ob sie mir eine gemacht hat, weiß ich heute noch nicht, aber das Buch ist mir, da wo es stand, immer wieder aufgefallen; vielleicht weil die Erinnerung an die Ehemalige so sinnlich war und so gar nicht zu dem Buch passen wollte.

Die Lücke, die das fehlende Buch hinterließ, machte mich auf eine Abwesenheit aufmerksam, die mich augenblicklich beschäftigte. Wo war das Buch, das, seitdem ich es hatte, nie woanders stand als dort, wo es jetzt nicht mehr war. – Hatte ich es jemandem geliehen? Oder hatte ich es doch einmal unbewusst in den Händen? - Da ich es von meinem Bett aus nicht sah, stand ich auf und begann das Buch zu suchen. Doch ich fand es nicht. Unter den Kleidern des vorigen Tages und dem Gestapel der zuletzt benötigten Bücher war es nicht. Auch an unüblichen Stellen hatte ich es nicht verlegt. Ich wurde ärgerlich, denn das Nichtvorhandensein des Buches machte mich urplötzlich neugierig auf dessen Inhalt.

Schließlich blieb mein suchender Blick bei einem offenen Buch haften. Mir war aufgefallen, dass aus dem Buch eine Seite herausgerissen war, sorgfältig zwar, aber eben doch herausgerissen. Mir war es, als ich nach einem Begriff nachgeschlagen habe, nicht aufgefallen. Jetzt aber, wo mir schon das fehlende Buch aufgefallen war, fiel mir auch die fehlende Seite auf. Und wieder passierte dasselbe wie vorhin mit dem Buch: mich interessierte was auf der fehlenden Seite geschrieben steht. Es konnte kurioser nicht sein: an einem lustlosen Tag, an dem mit mir anscheinend nichts geschehen sollte, beschäftigten mich plötzlich Dinge auf so unnachgiebige Weise, von denen ich nicht wusste, was diese ausmachte. Mit Neugier war es nicht zu erklären. Es war vielmehr die Lücke, das Fehlende, das mich beschäftigte.

In einer Kontinuität fehlte etwas; in einer Buchreihe ein Buch, in einem Buch eine Seite. Dem Buch – ein Band des Brockhaus von 1882 – 87, ein Geschenk meines Großvaters mit der Mahnung die Vergangenheit nicht zu vergessen – das 953 Seiten hatte, fehlte das Blatt mit den Seiten 689 und 690; so fehlten also eigentlich zwei Seiten, und so wurde also eine Kontinuität unterbrochen, etwas war auffällig, weil es nicht da ist, wo es sein sollte. Die Lücke in der Buchreihe und die fehlende Seite – oder eigentlich das fehlende Blatt mit den fehlenden zwei Seiten – wurden zu einer „idée fixe“; und die sollte mich auf die Reise schicken, von der zu erzählen ich mir vorgenommen habe.

Das Fehlende hatte mir eine Tür geöffnet, auf eine Möglichkeit hingewiesen, und ich wollte erfahren wohin sie mich führt. Warum? Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, aber es muss etwas damit zu tun haben, dass wenn das Fehlende auffällig wird, es auch eine Lücke im eigenen Leben hinterlassen kann; und diese Lücke hat etwas, das einen beschäftigt.

Ich entschloss gleich am nächsten Tag einen Buchhändler aufzusuchen, dessen Laden mir wegen seiner stimmungsvollen Außenausstattung aufgefallen war. Grüne Holzläden rechts und links zweier Schaufenster, in denen alte Landkarten, aufgeschlagene Foliante mit detailreichen Kupferstichen, Erstausgaben von Schiller, Schopenhauer und Bücher sonstiger Dichter und Denker auslagen. Eine aufwendig geschnitzte Holztür und darüber ein Schild mit der Aufschrift „Antiquariat Reyscher“ vermittelten, dass hier Vergangenheit gepflegt wurde. Der Buchhändler selbst schien auch in einer Zeitschleife gefangen: mit einem leicht abgetragenen Tweed-Sakko, brauner Cordhose, einer karierten Fliege und einem prächtigen Schnurrbart gab er einen sachkundigen Antiquar ab. Und tatsächlich, er konnte mir weiterhelfen.

Eine Ausgabe des Brockhaus von 1882 – 87 habe er zwar nicht, aber er könne im Internet nachschauen, ob jemand eine solche anbiete. Dass es Computer gibt, hätte man in diesem Laden leicht vergessen können. Besonders dieser Geruch alten Papiers versetzte einen in Zeiten vorelektronischer Datenverarbeitungssysteme.

Hinter einem Stapel Bücher saß er dann am Computer und suchte nach einem Brockhaus aus dem vorigen Jahrhundert. Er fand gleich drei Angebote. Eine leicht lädierte Ausgabe von einem Buchhändler in Bruggsau für 450,-- Euro, eine unvollständige – es fehle der Supplement-Band – aber gut erhaltene Ausgabe für 510,-- Euro, und eine tadellose Ausgabe für 760,-- Euro.

Wenn ich wolle, könne er mir gleich eine bestellen und in spätestens zehn Tagen - es sei denn der Betreffende Antiquar mache Urlaub – sei sie bei ihm im Laden.

Meine Erklärung, ich hätte schon eine Ausgabe des Brockhaus von 1882 – 87 und wolle eigentlich nur in Band VII. nachschauen was auf den Seiten 689 und 690 stünde, weil diese in meinem fehlen würden, schien ihn zu belustigen.

Er habe schon vieles erlebt, aber dass jemand nach einer Seite frage, die in einem längst nicht mehr aktuellen Nachschlagewerk stünde, das sei ihm noch nicht vorgekommen.

Ich war etwas enttäuscht: von einem Antiquar hätte ich geglaubt, er würde mich verstehen, ganz unabhängig davon, warum ich nach der Seite suchte.

Auf meine Bitte hin druckte er mir die Adresse des Buchhändlers in Bruggsau aus, der am nächsten gelegenen Stadt, und mir war noch am gleichen Tag vergönnt, die in meinem Brockhaus fehlende Seite zu lesen. Dafür hatte ich mir eine stille Ecke ausgesucht und unter dem wachenden Blick des Antiquars mich bald gefragt, ob ich nun meinerseits das Blatt herausreißen soll, oder ob ich die Seiten, als Bücherfreund, der ich bin, nur abschreiben soll. Nun; gerade als Bücherfreund könnte man, was sich verbietet, erst recht tun. Aber die Wachsamkeit des Antiquars nötigte mich die beiden Seiten abzuschreiben.

Dass ich Papier und Stift brauche, verwunderte den Antiquar erst, als ich nach bald einer Stunde noch immer nicht mit Abschreiben fertig war. Er kam auf mich zu, der ich in der stillen Ecke saß, und fragte humorig, ob er mir das Buch fotokopieren solle.

Ich schaute zu ihm hoch und kam mir vor wie der Dümmste der Dümmsten. Wenn das ginge, das wäre natürlich super, und er brauche mir auch nicht das ganze Buch zu kopieren, nur die Seiten 689 und 690, oder sogar nur die Seite 690; ich wäre schon bei der zweiten gewesen.

Dieser Antiquar sah zwar weniger antiquarisch aus, war aber weitaus bibliophiler als der vorige mit seiner verwegenen Erscheinung.

Und als ich ihm erklärt hatte, warum ich die Seiten unbedingt haben wollte, da meinte er, dass ich mich auf eine lange Suche begeben habe, und dass von ihr loszukommen nur noch dem schließlich Gleichgültigen gelänge.

Ich hatte das Gefühl, der Mann wusste wovon er sprach. Inmitten all der alten Bücher schien er zwar irgendwie fehl am Platze, doch das war wirklich nur eine Äußerlichkeit. In Jeans, einem roten T-Shirt mit der Aufschrift „Think Tank“, einer viel zu breitrandigen blauen Brille und einem fast kahl geschorenen Kopf vermutete ich ihn eher als Spezialisten für Computerspiele. Wenn er etwas sagte, passte es allerdings wieder, ihn in einer Antiquariats-Buchhandlung anzutreffen. Er sprach derart gewählt, wortreich und hatte Begriffe für entlegenste Hinweise, dass ich auf den Gedanken kam, er verkaufe nur die Bücher, die er auch gelesen hatte.

Er erzählte von verschollenen Büchern, so, als hätte er sie gelesen. Es gäbe derer unzählige, von denen man aber nicht wisse, ob noch ein Exemplar existiere. Die Geschichte des geschriebenen Wortes weise ständig auf fehlende Seiten, fehlende Bücher; und das Faszinierende daran: wird etwas Fehlendes aufgefunden, müsse man das bisher ohne das Fehlende Gedachte, revidieren. Allerdings wäre die Menschheitsgeschichte ohne diese Lücken nicht so geheimnisvoll, denn das Bedürfnis das Fehlende zu interpretieren, wecke das Interesse und schicke den Suchenden in einer Gegenwart, auf eine Reise in eine Vergangenheit, einer sehr lohnenswerten Gedankenreise, weil sie doch von Menschen erzähle.

Das Fehlende, einmal aufgefallen, lasse den Menschen nicht mehr los. Und das Eigenartige daran: das Fehlende könne bestimmender werden, als das, was wir um es herum wissen. Wie oft sei unser Wissen doch nur eine Behauptung; und wie oft entlarve dies das Fehlende, das nachträglich entdeckt, zwar nichts Fehlendes mehr sei, aber dadurch, dass es so lange ein solches war, bewirkt habe, dass wir den falschen Weg gegangen seien. Er wollte mir ein Beispiel aus der Bibelforschung nennen, aber da ging die Tür auf und herein kam ein Stammkunde, dem der Antiquar sogleich seine Aufmerksamkeit widmen musste. Er sagte noch, wir müssten bald noch einmal darüber sprechen, vielleicht dann, wenn ich meine ersten Lücken geschlossen hätte. Ich verließ den Laden und wusste, mein Wunsch zu reisen wird mich nicht mehr durch Amerika führen, sondern in die Bestimmung des Fehlenden.